Für mich waren Matcha Lattes lange Zeit, ganz unverblümt gesagt, dass was ich gerne als „Rich People Shit“ bezeichne. Reserviert für wohlhabende Frauen mittleren Alters, entweder auf dem Weg zum, oder vom, Pilates (Stichwort: Shirin Davids „Bauch, Beine, Po“). Und wenn ich ehrlich bin, hege ich seit jeher eine gewisse persönliche Abneigung gegen Pilates. In meiner Vorstellung ist es der größte Scam unserer Zeit: eine dürre Trainerin, die vermutlich nichts isst, nebenbei Halbmarathons läuft und noch drei weitere Formen von Selbstkasteiung betreibt und dafür ein kleines Vermögen verlangt, um einer Gruppe weniger drahtiger Frauen einzureden, das sei die Lösung.
Aber ich schweife ab.
So oder so: Das war mein Ausgangspunkt mit Matcha. Ich war überzeugt, ich hätte das Konzept durchschaut.
Du kennst das Bild: minimalistische Cafés in fünfzig Schattierungen von Beige, Steinplatten, Designästhetik und €7 bis €10 teure Lattes, die einem das Gefühl geben, eine verantwortungsvolle Lebensentscheidung getroffen zu haben. Wellness, aber performativ. Und maßlos überteuert.
Bild, unten: ©Shutterstock

Dann kündigte sich der heutige Tag an.
Heute Morgen wurde ich von Paper & Tea eingeladen (einem in Berlin gegründeten Teeunternehmen, das für seinen designgetriebenen Zugang zur Teekultur, seine ästhetisch kuratierten Stores und seinen umfangreichen Online-Shop bekannt ist), um bei einer authentischen japanischen Teezeremonie dabei zu sein. Ihr Wiener Store in der Walfischgasse 1, direkt gegenüber der Staatsoper, wirkt weniger wie ein Geschäft, sondern eher wie ein minimalistisches Refugium für Menschen, die ihre Tees alphabetisch sortieren (ehrlicherweise beneidenswert).
Ich kam mit der Erwartung, „ein bisschen Tee zu probieren“.
Ich ging mit einer Lektion in kultureller Tradition.
Denn plötzlich befand ich mich in einer Welt, in der jede Bewegung Bedeutung hat und in der ich schnell merkte, dass ich nur eine falsch gefaltete Serviette von einem sozialen Totalausfall entfernt war.
Die Zeremonie wurde von Kyoko geleitet, die ich heute kennenlernen durfte. Sie begann bereits als Kind mit dem Erlernen der Teezeremonie. Und genau hier liegt eines der größten Missverständnisse: Es geht nicht darum, „Tee schön zuzubereiten“. Es ist eine Disziplin. In der formellen Tradition sind Bewegungen, Utensilien, Sprache und sogar saisonale Referenzen präzise erlernt. Wer es ernst nimmt, studiert jahrelang unter Anleitung eines Lehrers, durchläuft Stufen, Prüfungen, Lizenzen. Es ist nichts, dass man sich nebenbei aneignet.
Die japanische Teezeremonie ist eine Kunstform mit klar definierten Regeln. Bei formellen Zusammenkünften übernehmen bestimmte Gäste feste Rollen: Der ranghöchste Gast (shokyaku), der dem Gastgeber am nächsten sitzt, spricht stellvertretend für die Gruppe, stellt die vorgesehenen Fragen zu Tee, Süßigkeiten und Utensilien. Am anderen Ende sitzt der letzte Gast (makkyaku), der für den Ablauf und die formellen Abschlüsse mitverantwortlich ist. Nichts daran ist Small Talk. Alles folgt erlernten Konventionen.
Auch Kleidung ist Teil dieser stillen Grammatik. Sowohl Männer als auch Frauen können die Zeremonie ausführen. Die Wahl der Kleidung ist bewusst, zurückhaltend und orientiert sich an Anlass, Jahreszeit und Schule. Gäste wiederum vermeiden alles, was ablenkt.
Zu den faszinierendsten Objekten gehört das Fukusa, ein Seidentuch zur symbolischen Reinigung der Utensilien. Es ist ein persönlicher Gegenstand, oft vom Lehrer übergeben, traditionell nicht gewaschen, sondern sorgfältig gepflegt. Frauen verwenden häufig Rot- oder Orangetöne, Männer eher Violett mit Variationen je nach Schule.
Vor dem Tee werden Süßigkeiten serviert. Nicht als Dekoration, sondern als essenzieller Bestandteil des Ablaufs, um die Bitterkeit des Matcha auszugleichen. Gereicht wird dazu Kaishi-Papier, das auf eine ganz bestimmte Weise gefaltet und verwendet wird.
Und dann kommt er: der Matcha selbst.
Bild unten: ©P&T / Hok Him Lam.
Es ist erwähnenswert, dass Matcha, anders als Kaffee, der einen abrupten Energieschub liefert, gefolgt von einem ebenso schnellen Absturz, eine deutlich subtilere, nachhaltigere Energie bietet. Durch die Kombination aus Koffein und L-Theanin entsteht ein Zustand ruhiger Konzentration. Da das gesamte Teeblatt in Pulverform konsumiert wird, ist Matcha zudem außergewöhnlich reich an Antioxidantien, insbesondere EGCG, das mit Zellschutz und Langlebigkeit in Verbindung gebracht wird.
Kyoko bei der Zubereitung zuzusehen, war wie eine Choreografie. Jede Bewegung,das Falten, das Dosieren, das Schlagen, ist über Jahre perfektioniert worden. Der Bambusbesen gleitet präzise durch das Wasser und erzeugt eine feine, fast makellose Schaumschicht.
Und doch muss man sie zerstören.
Denn wenn man die Schale erhält, folgt eine festgelegte Abfolge: drehen, halten, trinken. Und dann, der Moment, der mir am meisten im Gedächtnis blieb: der letzte Schluck.
Denn – er wird geschlürft. Laut.
Und in diesem Kontext ist das kein Fauxpas, sondern ein Kompliment.
Was mich am meisten beeindruckte, war, wie sehr sich diese Erfahrung von unserem heutigen Konsumverhalten unterscheidet. Der globale Matcha-Hype übernimmt die Ästhetik. Doch die Zeremonie offenbart etwas anderes: Präsenz. Es gibt kein Hast, kein Multitasking. Alles ist bewusst. Alles ist verdient.
Kyoko erzählte außerdem, dass es immer weniger Lehrer gibt und immer weniger junge Menschen, die bereit sind, die Zeit aufzubringen, diese Tradition wirklich zu erlernen. Der Gedanke, dass etwas so Präzises und Bedeutungsvolles langsam verschwinden könnte, ist für mich fast melancholisch.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Matcha heute als Luxus gilt. Nicht wegen seines Preises sondern weil er für etwas steht, das wir zunehmend verlieren: Zeit, Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, Dinge wirklich zu beherrschen. Und vor allem, dass er durch eine Jahrhundertalte Tradition geprägt wurde, die vom Aussterben bedroht ist.
Und, was vielleicht am wichtigsten ist: ihr habt ja alle bereits von meiner „Rich People Shit“ Liste gehört? Dinge, die ich mir gönne, sobald ich absurd viel Geld habe? Nun, ich habe einen neuen Punkt hinzugefügt. Irgendwo zwischen „McLarens in allen Regenborgenfarben kaufen“ und „jährlich Urlaub auf Velaa Private Island machen“ steht jetzt: nach Japan reisen und die Kunst der Teezeremonie lernen.
Natürlich nicht aus edlen Gründen.
Sondern um sie eines Tages, perfekt, präzise, nach Jahren der Ausbildung, meinen idiotischen Privatschulfreunden vorzuführen. Wie eine Geiko in Kyoto, die Matcha als Teil ihrer Kunst darbietet.
Und ehrlich gesagt, könnte das die luxuriöseste Pointe von allen sein.
Als ich Paper & Tea verließ, mit meinem eigenen Matcha-Set in der Tasche, hatte sich mein Blick auf Matcha verändert. Es ist jetzt etwas, dem ich mit mehr Respekt begegne.
Und gelegentlich mit einem sehr bewusst gesetzten, respektvollen Schlürfen.