Ich habe Jahre meines Lebens damit verbracht, Luxusmarken zu applaudieren.
Als frühere Chefredakteurin war es Teil meines Jobs, meinen Inserenten genau das zu liefern, was sie liebten: redaktionelle Streicheleinheiten, wohlformulierte Begeisterung und ganze Bildstrecken darüber, wie visionär, begehrenswert und kulturell relevant sie doch seien.
Eine der zuverlässigsten Lieblingsstories, und das Jahr für Jahr, war die große Bühne für neue Testimonials und Markenbotschafter. Schauspieler, Musiker, Royals und It-Girls. Immer wieder die gleichen Gesichter: rotierend, rollend, laufend von einer Luxus Marke zur nächsten. Menschen, die angeheuert wurden, um Produkte zu verkaufen, Zielgruppen zu erweitern oder Kampagnen einen Hauch von Glamour und Relevanz zu verleihen. Alles geschniegelt, alles abgesegnet, alles „very on brand“.
Heute ist das anders.
Ich muss niemandem mehr gefallen. Niemandem mehr in den Samtvorhang kriechen. Und genau deshalb dachte ich mir: Drehen wir den Spieß doch einfach um. Denn echte Redaktion heißt auch Unschönes ans Licht zu bringen.
Es gibt nämlich eine ganz andere und sehr interessante Gruppe von Menschen, die Luxusmarken nicht nur sichtbar trägt, sondern sie auch in ihren Song Texten nennt: freiwillig, selbst bezahlt und völlig ungebucht. Persönlichkeiten, die in der Öffentlichkeit vor allem polarisieren, anecken oder schlicht problematisch sind. Nennen wir diese Gruppe Menschen beim Namen, Anti Markenbotschafter.
Bild unten: ©ChatGPT generiert

Bonnie Blue ist der Künstlername der britischen Erwachsenen-Darstellerin und Online-Content-Creatorin Tia Emma Billinger, geboren am 14. Mai 1999. Sie machte sich durch ihr extrem sexualisiertes Arbeiten auf Plattformen wie OnlyFans einen Namen. Bonnie Blue ist, nüchtern betrachtet, der Antichrist unserer Gegenwart und wahrscheinlich eine der meistgehassten Personen des Planeten, die Projektionsfläche für kollektive Abscheu, moralische Panik und erstaunlich ungefilterte Aggression. Es genügt ein Blick in die Kommentarspalten unter nahezu jedem Video oder Artikel, der ihren Namen trägt, um das Ausmaß zu erfassen: Beschimpfungen, Verachtung, Entmenschlichung und nicht selten explizite Todeswünsche. Bemerkenswert dabei ist weniger die Existenz dieser Reaktionen als ihre Absender: überwiegend Frauen, die sich mit einer Vehemenz äußern, die weit über Kritik hinausgeht.
Bonnie Blue polarisiert nicht sie triggert. Und genau darin liegt ihre kulturelle Sprengkraft. Bekannt für ihre extrem sexualisierte Inhalte und Rekord-Stunt in einem Zeitraum von 12 Stunden mit 1.057 Männern Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Ein vermeintlicher Rekord, der in den Medien breit diskutiert wurde. Sowie die Nutzung junger Erwachsener (“barely legals”), denn ein großer Teil der Kritik entzündet sich daran, dass viele ihrer Partner angeblich sehr jung waren. Rechtlich zwar über 18, gesellschaftlich aber „barely legal“. Kritiker sehen darin eine problematische Sexualisierung und ein Grenzüberschreiten, das die Debatte über Verantwortung und Ethik im Erwachsenen-Content neu entfacht hat. Hinzu kommt noch die Empörung die durch Bonnies Aussagen in Interviews und Auftritten z. B. in Diskussionen über Geschlechterrollen oder sexuellen Umgang. Sie ruft auch verheiratete Männer dazu auf, sich an ihren Gang Bangs zu beteiligen um so ihrer Ehefrauen zu betrügen. Einige Kommentatoren labeln diese Aussagen als misogyne Selbstverherrlichung, während andere sie als Teil einer persönlichen Markenstrategie sehen. Sie annonciert wiederholt provokante Aktionen, wie den Bonnie Blue „Petting Zoo“, in dem sie Männer dazu aufforderte, an einem öffentlichen Ort in London alles mit ihr machen zu können, was sie wollten, also ein Event mit offenen sexuellen „Erlebnissen“ oder live gestreamte Inhalte, die selbst Plattformen wie OnlyFans dazu brachten, ihren Account zu sperren.
Und als allerletztes kommen wir zu dem britischen Dokumentarfilm (Channel 4) über sie („1000 Men and Me: The Bonnie Blue Story“) der eine intensive öffentliche Diskussion darüber auslöste, wie Gesellschaft, Medien und Plattformen mit expliziten Inhalten umgehen. Und wo die Grenze zwischen Unterhaltung, Ausbeutung und Tabubruch liegt.
Das eigentliche Problem im Kontext dieses Artikels?
Bonnie Blue trägt mit bemerkenswerter Konsequenz Van Cleef & Arpels. Nicht sporadisch. Nicht beiläufig. Sondern mit einer Hingabe, die fast schon romantisch wirkt. Besonders prominent zu sehen ist dies auf dem viral geteilten Cover des Dokumentarfilms 1000 Men and Me: The Bonnie Blue Story: Die ikonische Alhambra-Blüte – als Kette und Ohrring, in Blau, farblich perfekt abgestimmt auf Bonnies helle, beinahe unwirklich strahlende Augen. Ein Bild, das sich festsetzt. Ein Bild, das bleibt. Fast jedes Foto erzählt dieselbe Geschichte: ob öffentlich oder privat: Bonnie liebt Van Cleef. Leidenschaftlich. Loyal. Markenrein.
Und dann kommt der Teil, über den keine PR-Abteilung gerne spricht.
Ja – Bonnie trägt Van Cleef auch bei der Arbeit. Dort, wo Zurückhaltung kein Stilmittel ist und Diskretion definitiv keinen Vertrag hat. In Momenten maximaler körperlicher Präsenz, in Szenarien, die eher an die Tiefen des Internets erinnern als an die Salons der Place Vendôme, bleibt die Alhambra-Blüte standhaft am Hals und auf den Ohren, bedeckt von menschlichen Körperflüssigkeiten der unerquicklichsten Art.
So findet eines der diskretesten Symbole französischen Hochluxus’ seinen Weg in Kontexte, die man bei Van Cleef & Arpels vermutlich eher unter „unforeseen usage scenarios“ verbuchen würde. Willkommen beim perfekten Anti Brand Ambassador: Sie zahlt den vollen Preis – und liefert unbezahlbare, negative Sichtbarkeit.
Van Cleef & Arpels ist eine der prestigeträchtigsten französischen Haute-Joaillerie-Häuser mit Wurzeln in Paris seit 1896. Bekannt für ikonische Kollektionen wie die Alhambra und meisterhafte Edelstein-Expertise, symbolisiert die Maison höchsten handwerklichen Luxus und zeitlose Eleganz auf globaler Bühne.
Heute gehört Van Cleef & Arpels zur Compagnie Financière Richemont S.A., dem renommierten schweizerischen Luxusgüter-Konglomerat, das zahlreiche erstklassige Maisons vereint, darunter Cartier, IWC und Jaeger-LeCoultre.
Innerhalb dieser Luxus-Familie gilt Van Cleef & Arpels als eine der pinnacle brands: eine Spitzenmarke, deren Prestige und Positionierung im internen Marken-Hierarchy-Gefüge zu den höchsten gehören und die sogar über manchen anderen Schmuck-Hausklassiker gestellt wird. In Konzernen wie Richemont bestimmt diese interne Rangfolge nicht nur strategische Budgets, sondern kann bis hin zu Reihenfolgen in gemeinsamen Auftritten und Kampagnen regeln, welcher Markenauftritt vor dem anderen kommt. Ohne Ausnahme.
Umso ironischer und witziger ist ausgerechnet die starke Assoziation von Van Cleef & Arpels mit Bonnie Blue: Dort, wo im Luxuskonzern jede Hierarchie minutiös geregelt ist, hat sich die sichtbarste Verbindung ganz ohne Einladung ergeben: ungeplant und herrlich „off brand“.
Doch die Probleme für Van Cleef & Arpels enden hier leider nicht.
Bild unten: ©ITV Love Island All Stars 2026 Press Pack

Ein kurzer Abstecher ins britische Fernsehen: Love Island – ein Format, das sich dem ernsthaften kulturellen Auftrag verschrieben hat, möglichst attraktive Menschen möglichst lange in der Sonne über möglichst wenig nachdenken zu lassen. Das Konzept ist simpel: Dating, Drama, Selbstvermarktung, wiederholt in Endlosschleife. Unterhaltung auf Autopilot, konzipiert für ein Publikum, das Erholung eher im Abschalten als im Nachdenken sucht.
Besonders pikant wird es in der aktuell laufenden All-Stars-Edition, einer transatlantischen Fusion aus britischen und US-amerikanischen Kandidaten. Hier trifft gebräunte Ambition auf mediale Restverwertung und erstaunlich oft auf Van Cleef & Arpels. Sowohl etliche weibliche als auch männliche Teilnehmer tragen die ikonische Alhambra ganz selbstverständlich zur Badehose oder zum Bikini, unter anderem von Lucinda Strafford, Sher Suarez, Millie Court und Leanne Amaning. Sogar einer der männlichen US-Kandidaten, Yamen Sanders, präsentiert stolz ein Alhambra-Armband als wäre es offizieller Bestandteil des Show-Uniformcodes.
So wandert eines der exklusivsten Symbole französischer Haute Joaillerie direkt in ein Fernsehformat, das weniger für geistige Tiefe als für kollektive Zerstreuung steht. Luxus trifft Brain-Rot-Entertainment und beide scheinen sich blendend zu verstehen. Ein Anti Product-Placement. Ohne Vertrag, ohne Kontrolle und vor allem im falschen, vollkommen niveaulosen, Umfeld.
Trash TV Vorreiter Love Island scheint inzwischen der Ort zu sein, an dem Luxusmarken langsam, aber sicher ihr Ende finden. Denn Van Cleef ist nicht allein auf dieser unfreiwilligen Reise.
Ein weiteres Opfer dieser sonnendurchfluteten Dauerbeschallung ist Hermès – genauer gesagt ein Klassiker des Hauses, der hier mit einer fast schon aggressiven Regelmäßigkeit ins Bild rutscht: die Oran-Sandale. Einst Sinnbild für diskreten französischen Sommerluxus, getragen an der Côte d’Azur oder auf der Terrasse eines Hotels, dessen Namen man nicht buchstabiert, sondern erbt.
Auf Love Island hingegen wird sie zum festen Bestandteil der Uniform. Getragen wird sie pausenlos, gedankenlos, stolz: als wäre sie weniger Statement als Standardausstattung. Luxus nicht als bewusste Wahl, sondern als beiläufiges Accessoire in einem Umfeld, das weder Kontext noch Anspruch kennt.
Love Island als modischer Luxus Friedhof?
Zumindest als jener Ort, an dem Luxus nicht stirbt. Sondern langsam, öffentlich und vollkommen unironisch entzaubert wird.
Bild unten: ©Markus Wissmann / Shutterstock.com

Nun tauchen wir mal in die Welt des Deutschen Raps ein. Hier finden wir unseren nächsten Anti Brand Ambassador, nämlich Anis Mohamed Youssef Ferchichi, besser bekannt als Bushido. Einer der umstrittensten Rapper Deutschlands, berüchtigt für seinen Griff in die Gangsta-Rap-Ästhetik, provokante Texte und zahlreiche Skandale rund um seine Person und Karriere.
In seinem Song „Kleine Bushidos“, der am 5. Oktober 2012 als erste Singleauskopplung aus seinem Album AMYF erschien, und der in Deutschland, Österreich und der Schweiz in den Singlecharts vertreten war, finden wir eine Erwähnung der Luxusuhrenmarke Breitling.
Sagt mir ehrlich, deutschen Rap hab ich hart gemacht
Ich mein, Tag und Nacht habt ihr mich nur nachgemacht
Du willst wie ich eine Breitling tragen
Du bitest mich, jetzt muss ich dich Feigling schlagen
Breitling ist eine legendäre Schweizer Luxusuhren-Manufaktur mit Wurzeln bis ins Jahr 1884, gegründet von Léon Breitling und seither Synonym für Präzision, handwerkliche Uhrmacherkunst und technische Innovation. Allen voran als einer der Erfinder des modernen Chronographen, der besonders in der Luftfahrt und bei hochpräzisen Zeitmessungen Kulturgeschichte geschrieben hat. Breitling-Zeitmesser gelten als Symbol für technische Exzellenz und stilvolle Robustheit und zählen zu den begehrtesten Luxusuhren der Welt.
Doch so zeitlos und statusgeladen manche Uhren am Handgelenk eines CEO oder Jetpiloten wirken mögen, wird das Bild für Breitling erstaunlich komplex, sobald die Marke im Kontext eines anderen kulturellen Phänomens auftaucht.
Dass gerade hier – in einem Vibe aus Straßenpoesie, Provokation und Selbstdarstellung – eine Marke wie Breitling auftaucht, ist fast schon ironisch: Eine Ikone präziser Mechanik trifft auf eine Ikone roher Selbstdarstellung. Breitling, ein Symbol technisch-ästhetischer Raffinesse, wird so in einem Umfeld assoziiert, das seine Tradition der eleganten Zuverlässigkeit auf den Kopf stellt – und damit zu einem weiteren Beispiel dafür wird, wie selbst kultivierte Luxusgüter auf ungeplanten Wegen in kontroverse Popkulturwelten hineinwirken können.
Im Refrain von Kleine Bushidos kulminiert genau jene Selbstmythologisierung, die Bushidos Image über Jahre getragen hat – und die zugleich so problematisch ist. Wenn Bushido dort lapidar feststellt, „doch keiner von euch vertickte Weißes in Kilos“, ist das weit mehr als eine Provokation im Battle-Kontext. Es ist die bewusste Veredelung von organisierter Drogendealerei zu einem Statusmerkmal, zu einer Art biografischem Gütesiegel.
Gerade in Kombination mit Luxusmarken-Nennungen entsteht so ein toxischer Kurzschluss: Hochpreisige Symbole für Erfolg, Präzision und gesellschaftlichen Aufstieg werden in einen Kontext gestellt, in dem sie als Trophäen einer kriminellen Erzählung funktionieren. Für Marken, die auf Kontrolle, Werte und langfristige Imagepflege setzen, ist das kein kulturelles Crossover, sondern ein Albtraumszenario.
Zwar lebt Luxus von Narrativen, nur dies ist eines, dass keine Maison dieser Welt freiwillig erzählen möchte.
Uhrenmarken wie Breitling, pflegen eine lange, glanzvolle Tradition – doch sie haben auch eine genauso lange Liste problematischer Anti-Brand-Ambassadors, wenn man die Zeitmesser am Handgelenk von Despoten, Tyrannen und Staatslenkern betrachtet, deren Namen man ungern in einem Kontext mit Haute Horlogerie liest.
Schon Omega SA fand sich im historischen Kontext am Arm von Kim Il-Sung, dem Gründer Nordkoreas, bei dem eigens signierte Omega-Constellation-Modelle für hohe Funktionäre produziert wurden – ein schiefer Memento mori der Luxusuhrenkultur.
Nicht weniger beunruhigend sind etliche Patek-Philippe-Modelle, die in der Vergangenheit für den libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi gefertigt wurden, bis hin zu Rolex-Stücken, die in ähnlichen Kreisen courierten, und selbst die Deutsche Luftwaffe, die traditionelle deutsche Uhren wie A. Lange & Söhne oder IWC trugen.
In der Gegenwart zeigt eine Analyse politischer Akteure, dass selbst zeitgenössische Staatsmännern Luxusuhren nicht fremd sind: Wladimir Putin (der ein leidenschaftlicher Uhrensammler sein soll) wurde mehrfach mit A. Lange & Söhne oder ähnlichen Schweizer Zeitmessern gesehen – Uhren, deren technische Perfektion und Preiskategorie eigentlich in Welten liegen, die weit entfernt sind von den Entscheidungen und politischen Systemen dieser Träger.
Diese Beispiele zeigen: Die Sprache der Luxusuhren ist global und altehrwürdig. Aber, sie wird immer wieder von Menschen gesprochen, deren Werte und Hinterlassenschaften kaum die gleiche Hochglanz-Aura besitzen.
Am Ende bleibt eine unbequeme Wahrheit: Luxusmarken können ihre Testimonials casten, ihre Kampagnen choreografieren und ihre Bildwelten bis in die letzten Lichtreflexe kontrollieren. Sie können aber nicht kontrollieren, wer ihre Produkte liebt. Und schon gar nicht, wo.
Ob auf Reality-TV-Inseln, in Rap-Lyrics mit krimineller Attitüde, in moralisch fragwürdigen Machtzentren oder in Kontexten, die eher nach Fremdscham als nach Feuilleton riechen. Genau dort tauchen sie auf: die Anti-Brand-Ambassadors. Ungebeten, unkuratiert und leider unübersehbar.
Das eigentlich Tragikomische daran? Diese Menschen wurden nie eingeladen. Sie wurden nie gesponsert. Sie wurden nie ausgestattet. Sie haben einfach bezahlt. Den vollen Preis. Das ist wahrer Kapitalismus. Und vielleicht ist genau das die bitterste Pointe für jede Luxusmarke:
Dass ihre exklusivsten Symbole ausgerechnet dort landen, wo man sie am wenigsten sehen möchte: ganz ohne Rabatt, ganz ohne Vertrag, aber mit maximaler, ungewollter Sichtbarkeit.